Geschichte - Hartenrod


Aus Hartenrods Kirchen- und Pfarrergeschichten

Unser Kirchort kann auf eine lange Geschichte zurückblicken, wahrscheinlich ist er eine Siedlung aus der Zeit um 400-800 nach Christus. Hartenrod ist seit dem 1. Sept. 1684 als Marktflecken bekannt. Landgräfin Elisabetha Dorothea verbilligte ihm allergnädigst drei Jahrmärkte in einer pergamentenen Urkunde.
Was den Namen anbelangt, so soll er seinen Ursprung herleiten von der »rauhen Gegend«, in der der Ort gelegen ist. Hartenrod soll auch einmal »Hirprachterode« oder auch »Hirtprachterode« geheißen haben, aber das muß schon ziemlich weit zurückgehen. 
Während der Herrschaft der Karolinger (714 - 911) war die hiesige Gegend durch Missionare für das Christentum gewonnen worden. Vor allem wirkte hier auch der berühmte Winfried Bonifatius der »Apostel der Deutschen« (gest. 754). Die missionierten Gebiete wurden zu Bistümern zusammengefaßt. 741 hatte Bonifatius für Hessen das Bistum Büraburg gegründet, das aber schon wenig später (763) mit dem Bistum Mainz verschmolzen wurde. So gehörte unsere Gegend im katholischen Mittelalter zum Erzbistum Mainz, insonderheit zum Archidiakonat St. Stephan (die St. Stephanskirche in Mainz steht noch heute; sie wurde im 2. Weltkrieg teilweise zerstört und in den letzten Jahren wieder aufgebaut). Die Archidiakone waren Visitatoren und Vertreter des Bischofs in allen kirchenrechtlichen Angelegenheiten. Hartenrod und überhaupt alle Orte der Umgebung waren zunächst Filial des Kirchspiels Gladenbach mit seiner dem heiligen Martin geweihten Kirche. Lediglich Günterod gehörte im Mittelalter zum Erzbistum Trier, Archidiakonat Dietkirchen. Die Grenze zwischen den beiden Erzbistümern Mainz und Trier verlief so direkt durch unser Kirchspiel. 
Das Gladenbacher Gebiet gehörte politisch im 13. Jahrhundert zur Grafschaft Rucheslo. Dieser war die Landgrafschaft Hessen übergeordnet (Bis 1866 und wieder seit 1945 ist die Geschichte unseres Gebietes zugleich hessische Geschichte). Doch hatten auch andere Adelsgeschlechter hier Besitzungen. Die Kommende des Deutschen Ritterordens kaufte 1336 Güter in Wommelshausen, wie sie auch 1536 den Hülshof von dem Praemonstratenserinnenkloster Altenberg bei Wetzlar erwarb. Die Klöster besaßen im übri­gen in unserer Gegend im allgemeinen nur geringen Streubesitz. In damaliger Zeit verfügten sowohl die weltlichen wie die geistlichen Herren über das Recht zur Gerichtausübung, und für das Amt Blankenstein oder Gladenbach ist bekannt, daß der kirchliche und der weltliche Gerichtsbezirk zusammenfielen. Als die alte Pfarrei Gladenbach geteilt wurde, entsprachen die beiden neuen Pfarreien den Untergerichten des Amtes Blankenstein. 
Noch im Mittelalter erfolgte diese Teilung der Pfarrei Gladenbach in zwei Pfarreien. So entstand die selbständige Pfarrei Hartenrod, zu der Wommelshausen von nun an gehörte. Weiterhin umfaßte die neue Ecclesia Matre, d. h. Mutterkirche Hartenrod die Orte Endbach, Bottenhorn, Schlierbach, Dernbach und Hülshof, wozu später noch Günterod kam. Der genaue Zeitpunkt der Teilung läßt sich nicht mehr feststellen. In einem Geschlechtsregister der Familie von Hohenfels wird ein Peter von Buchenau, gest. 1367, erwähnt, von dem es heißt, daß er »Pfarrer zu Hartenrod« gewesen sei. Das ist ein Hinweis - und bisher der einzige - darauf, daß 1367 bereits die Trennung der Pfarrei Hartenrod von der Pfarrei Gladenbach vollzogen worden war. Die Herren von Buchenau, deren Geschlecht 1396 ausstarb, scheinen zeitweilig das Kirchlehen, d. h. das Patronat von Hartenrod besessen zu haben. Als ihre Nachfolger werden 1395 die Herren von Linne aufgeführt. Aber auch die von Mudersbach zu Drittorf (Driedorf) werden um diese Zeit schon als Patronate genannt. Als solche hatten sie das Recht, bei Besetzung der Pfarrstelle mitzuwirken und über das Eigentum der Kirche Aufsicht zu führen. Im Jahre 1455 wurde in Hartenrod eine Kirche für das gesamte Kirchspiel er­baut. Sie war dem heiligen Christophorus gewidmet, wie man ja in katholi­scher Zeit die Kirchen allgemein einem bestimmten Patron und Schutzheiligen weihte. 
Die Familie von Mudersbach besaß noch 1585 das Patronat. Doch vermerken alte Saalbuchaufzeichnungen, daß »unser gnädigster Fürst und Herr darüber Visitation und Inspection« habe. Dieser gnädigste Fürst war der Landgraf von Hessen, der nach dem Aussterben der Mudersbacher die Patronatsrechte im Kirchspiel übernahm. Auch hinsichtlich der weltlichen Gerichtsbarkeit, der Zins- und Steuerzahlung sowie sonstiger Nutzungen und Frondienste unterstand unser Kirchspiel im 16. Jahrhundert dem Landgrafen.
Unter Landgraf Philipp von Hessen (er regierte 1518 - 1567), dem Haupt unter den protestantischen Fürsten, wurde 1526 die Reformation in Hessen eingeführt. 1527 erfolgte die Gründung der Marburger Philippsuniversität als der ersten evangelischen Universität Deutschlands. Die Pfarreien des Hinterlandes wurden der Superintendentur Marburg untergeordnet. Die Kirchenchronik von Hartenrod nennt für das Jahr 1528 den ersten evangelisch-lutherischen Pfarrer, Johann Schmidt, der nach damaligem humanistischen Brauch den lateinischen Namen Johannes Faber führte. Er wirkte bis 1580 oder 1579 in Hartenrod. Von ihm berichten die Chronisten, daß er bei den Amtshandlungen noch einen weißen Chorrock trug wie die katholischen Priester, und daß er bei der Austeilung des Heiligen Abendmahls Wachsker­zen brannte. Auch soll er jeden Sonntag das Heilige Abendmahl gefeiert haben. Weiter heißt es: »Die Wommelshäußer und Dernbächer aber haben alle auf grün Donnerßtag gangen, wie die Rechnung de anno 1554 noch außweißet. Wenige Jahre später hätte sich das aber geändert.
Nach dem Tode Landgraf Philipps im Jahre 1567 wurde das Land geteilt. Unser Gebiet fiel an Hessen-Marburg.
Als zweiter Pfarrer nach der Reformation wirkte von 1580 bis 1617 Gottfried Fabricius in Hartenrod. Während seiner Amtszeit wurde 1605 die calvinistische Lehre eingeführt. (Bei der Aufteilung der Landgrafschaft Hessen-Marburg in diesem Jahr kam das Amt Blankenstein-Gladenbach zu Hessen-Kas­sel, und der dortige Landesherr, Landgraf Moritz, ordnete die sofortige Einführung der Reformation calvinistischer Prägung an.) Gottfried Fabricius wurde - wohl 1617 - gleich vielen anderen lutherischen Pfarrern abgesetzt, weil er beim Luthertum verharrt und unter anderem das Brot beim Heiligen Abendmahl nicht brechen und die Bilder aus den Kirchen nicht entfernen wollte, wie es die Calvinisten verlangten. Er zog als »Degradatus«, d. h. Ab­gesetzter, zu seiner Tochter in Hartenrod. Seine 4 Töchter waren in Bauern­höfen verheiratet, eine davon auch in Wommelshausen.
Über den dritten evangelischen Pfarrer berichtet die Chronik, daß er ein Reformierter gewesen sei, »welches Schreckliche der alte, tapfere, wohlehren­hafte, degradierte lutherische Pfarrherr (sein Vorgänger) indeß nur kurz überlebte«. Er hieß Johannes Christmann (1618 - 1624). 1619 baute er das alte Hartenroder Pfarrhaus. Aus seiner Amtszeit überliefert die Chronik, daß ihn einst der damalige Edelmann von Dernbach auf dem Kirchhof schla­gen wollte, daß aber die Umstehenden das nicht zuließen und ihrerseits - den Edelmann schlagen wollten. Als 1623 das Amt Blankenstein wieder an Hes­sen-Darmstadt fiel, wozu es dann bis 1866 gehörte, hatte die calvinistische Zeit ein Ende. Das Kirchspiel blieb von da an lutherisch. Pfarrer Ghrisrmann wurde bei Wiedereinführung der lutherischen Lehre abesetzt. Es folgte 1625 - 1633 Wilhelm Kaut, der 1671 hochbetagt in Wetzlar starb. Während seiner Amtszeit herrschte in Hartenrod die Pest, vor der er zeitweise nach Endbach flüchtete.
Immer wieder brach an einzelnen Orten in jenen Jahren die Pest aus. In Gladenbach soll sie um 1625 so stark gewütet haben, daß man nicht alle Leichen einzeln beerdigen konnte und sie darum an Feuerhaken aus den Häusern zog, um sie in Massengräbern zu bestatten. 1629 wurde das Läuten der Glocken um 10 und um 5 Uhr angeordnet, um, wie es hieß, die Gottheit wegen der Pest zu versöhnen. Auch Wolfsplagen waren keine Seltenheit.
Im Dreißigjährigen Krieg (1618 - 1648) stand das lutherische Hessen-Darmstadt auf Seiten des Kaisers und der katholischen Liga. Größere Kampfhandlungen fanden in unserer Gegend nicht statt, doch hatte das Kirchspiel, besonders in den letzten Kriegsjahren, unter Einquartierung und Truppen-durchmärschen zu leiden. Als 1639 die Kaiserlichen Truppen anrückten, schlugen sie in Hartenrod ihr Hauptquartier auf, und auch in Wommelshausen lag ein Regiment. 1640 folgten andere Truppen, durch deren Requirierungen und Plünderungen die Bauern oft schwer bedrängt wurden, so daß sie sich bisweilen mit ihren Habseligkeiten in den Wäldern versteckten. 1646 wurde die Burg Blankenstein bei Gladenbach zerstört.
Doch scheinen trotz allen Kriegswirren die Freuden des Lebens nicht völlig zu kurz gekommen zu sein. Das zeigt eine Hochzeitsordnung, die 1641 neu erlassen wurde und die bestimmte, daß nicht mehr als 100 Personen geladen werden dürften, und daß der vierte Hochzeitstag wegfallen solle. Fortan sollte keine Mahlzeit länger als vier Stunden dauern und mehr als sechs Speisen enthalten. Wir wissen aus alten Berichten, mit welch großem Aufwand man hierzulande solche Hochzeiten feierte. Rinder, Kühe und Schweine wurden geschlachtet, eigens für das Fest wurde Bier gebraut, die Braut im Brautwagen zum Dorf ihres Bräutigams gefahren und von ihm auf schwarzem Roß empfangen. Die kirchliche Trauung fand in dieser Zeit noch häufiger in den Häusern statt. Im Saalbuch unserer Pfarrei heißt es dazu: »Die hochzeitlichen Copulationes werden in jeglicher Gommun-Kirche verrichtet, wo aber keine ist, als Hülßhof, Dernbach, die einzelnen Mühlen, Höfe etc., da ist‘s vordem in Häußern oder Scheuern verrichtet worden, biß anno 1723 die fürstliche Ordnung herauß kam, daß alle copulationes in der Kirche sollten verrichtet werden, so muß nun Schlierbach nach Hartenrod, Hülßhof nach Bottenhorn, Dernbach nach Wommelßhaußen, eine jegliche Mühle aber nach der Gemeinde-Kirche, wohin solche gehöret, gehen und sich copulieren lassen«.
Von 1634 bis 1642 wirkte Johann Philippus Dacius als Pastor in Hartenrod. Er war durch die Kriegsereignisse aus dem Usingischen vertrieben und hier­her gesetzt worden, wurde dann aber gegen seinen Willen wieder ins Usingische zurückberufen. Dacius besaß die Magisterwürde, wie auch sein Nach­folger Urbanus Rink aus Marburg (1643 - 1649), von dem die Chronik berichtet, daß er über sechs Jahre nicht hätte stehen können und am kalten Brand sterben mußte. 
l)er siebente evangelische Pfarrer, Johannes Achenbach aus Hohensolms, blieb fast 50 Jahre hier im Amt (1649 - 1698) und starb im 75. Lebensjahr. Aus seiner Zeit stammt der in der Hartenröder Kirche aufgestellte Doppelgrabstein für seine kurz nacheinander als Studenten verstorbenen Söhne.
Johann Georg Engelbach, aus Biedenkopf gebürtig, wirkte seit 1687 als Mitprediger und war 1698 bis 1741 »ordentlicher Pfarrherr«. Ihm zur Seite stand seit 1718 der Pfarr-Adjunct Johann Jakob Gimbel, der jedoch schon 1734 starb. Dieser Pfarrer Gimbel legte 1728 ein neues Saalbuch an, in dem er Teile des nicht mehr erhaltenen alten Saalbuchs von 1631 verarbeitete.
Die alten Saalbücher überliefern uns einige interessante Berichte. So beschreibt Pfarrer Gimbel etwa das Brauchtum bei Begräbnissen. Danach wurde in den Filialen, wenn jemand gestorben war, vom Glöckner sogleich ein Zeichen mit derGlocke gegeben. »Ist die Leiche alt, so wird lange, ist sie jung, so wird etwas kürzer geläutet, und dieses ist noch ein residium papatus (= Überbleibsel aus katholischer Zeit), da man beim Tode derer Menschen denen übrigen hat ein signum (= Zeichen) gegeben, daß sie Ave Maria, Pater noster usw. für den Verstorbenen im Fegefeuer beten sollen«. Auf das Grab des Verstorbenen sei bei der Beisetzung ein schwarzes Holzkreuz gesetzt worden. »Ist aber die Leiche ein Kind, so stecken sie drei Cronen von farbig Papier oder Wachs auf den Sarg, welche Gronen hernach vom Leichenberg abgenommen und in die Kirche aufgehängt werden«. Wurde die Leiche übers Feld zur Mutterkirche gefahren, so durfte derjenige, der sie fuhr, nicht vom Pferd heruntersteigen oder sich umsehen, um die Ruhe des Toten nicht zu stören. Ein anderer Aberglaube meinte, daß die Nadel, womit der Tote eingekleidet worden war, als remedia contra venificos (= Heilmittel gegen Zau­berei) verwendet werden könne. Soweit der Bericht Gimbeis. Lange Zeit hindurch wurden die Toten der Filialorte nach Hartenrod gebracht. Nach al­ten Aufzeichnungen sollen bis etwa 1640 sogar die Toten aus Bottenhorn in Hartenrod begraben worden sein. Als 1786 ein neuer Friedhof angelegt wurde, war er für die Toten in Hartenrod und Wommelshausen bestimmt.
Noch ein alter Brauch, der bereits auf reformatorische Zeit (1521) zurückgeht, soll hier angeführt werden. Er ist in dem Saalbuch der Pfarrei Gladenbach 1737 näher beschrieben. Dort heißt es unter der Überschrift Nachricht von der Aschhaber auf Aschermittwoch: »Die Pfarr Gladenbach hat das Recht, alle Jahr in dem Kirchspiel Harttenroth zu Bottenhorn auf Aschermittwochen eine Predigt zu halten. Es mag Wetter seyn wie es will, so muß die Aschpredigt gehalten werden. 3 jahre nacheinander hallt sie der Pfarrer, hebt dem Diacono (das ist der Pfarrhelfer bzw. der zweite Pfarrer in Gladenbach) seine Zisnen mit, und gibt ihm alle Jahr das 4te Theil von der Aschhaber. Das vierte Jahr thut sie der Diaconus und hebt dem Pfarrer alßdann seine Zinsen auch mit und gibt ihm 3 Theil von der Aschhaber, das 4te Theil behält er. So wird keiner verkürzt, wann irgend ein Jahr die Frucht theurer als das andere . . Diese Haber wird mehrenteils mit Geld bezahlt, je nachdem sie im Preiß ist, und der Bürgermeister jeglichen Orts muß sie oder das Geld in das Hauß liefern, wo der Pfarrer einkehret ... Hat der Pfarrer oder Diaconus zu Bottenhorn gespeist und die Haber geliefert genommen, so reitet er auf Schlierbach, von darauf Wommelshausen und von dar auf Endbach, und nimbt sie allda auch geliefert von denen Bürgermeistern«. Es folgte eine genaue Festlegung der jährlichen Aschhaber und Geldbeträge für die einzelnen Orte.
Überhaupt wurden die Amtshandlungen des Pfarrers in jenen Zeiten durch festgesetzte Beträge vergütet, wie auch die Einwohner des Kirchspiels zu »Frondiensten« (= unbezahlten Diensten) gegenüber Kirche und Pfarrer verpflichtet waren. Das Saalbuch von Hartenrod führt diese Dienste im einzelnen auf und nennt unter anderem die Herbeischaffung von Materialien, wenn irgend etwas an Kirche oder Pfarrgebäude zu bauen war.
Auf Pfarrer Engelbach folgte 1741 - 1742 der bisherige Pfarradjunct Heinrich Conrad Müller, diesem wiederum Johann Conrad Ruehfel (1744—1 769).
Ruehfels ältester Sohn, Johann Georg, wurde ihm 1749 als Pfarrer adjungiert, ist aber noch im selben Jahr 27jährig gestorben, nachdem er seinen Dienst sehr treu verrichtet hatte.
Während der Amtszeit Ruehfels brachte der Siebenjährige Krieg (1756 - 1763) große Not. Die Bevölkerung hatte unter zahlreichen Truppendurchmär­schen zu leiden. Besonders 1760 wurde die hiesige Gegend durch Einquartierungen hart mitgenommen. Oft »blieb nichts über denn die nackten Häuser« und mußte das Vieh aus Futtermangel abgeschafft werden. - Noch einmal, am Ende des 18. Jahrhunderts während der Koalitionskriege, suchten vieler­lei Truppen die hiesigen Dörfer heim. So lag 1796 französisches Militär von April bis Dezember in Quartier und mußte von der Bevölkerung verpflegt werden. Das Amt Blankenstein hatte 1796 - 1798 allein für zu lieferndes Korn und Hafer die hohe Summe von 5918 Gulden aufzubringen.
1769 - 1784 war Magister Philipp Adam Moritz Bichmann, der vorher in Dautphe und Holzhausen gewirkt hatte, Pfarrer in Hartenrod. Auch ihm wurde 1781 sein Sohn als Pfarradjunct beigegeben. Nach dem Tod seines Va­ters erhielt Friedrich Wilhelm Bichmann dann die selbständige Verwaltung der Pfarrstelle, bis er 1789 nach Bischofsheim bei Mainz befördert worden ist. »Gehab dich wohl« schreibt sein Nachfolger lediglich unter diese Auf­zeichnung, und der Chronist bemerkt 1857 dazu, daß sich keiner bewogen gefunden habe, auch nur etwas über seine Amtsführung zu verzeichnen.
Als 13. ordentlicher Pfarrer seit der Reformation erhielt 1789 Ernst Ludwig Goebel das hiesige Pfarramt. Einer seiner Söhne, hier geboren, wurde später Dekan in Gladenbach. Dieser Pfarrer hatte mit den Wommelshäusern wegen der Haltung des Heiligen Abendmahls in Wommelshausen bzw. wegen der zu diesem Anlaß fälligen Wegentschädigung großen Streit, »dabei es gräulich hergegangen« sein soll und unter anderem zur Erstürmung des Pfarrhauses kam. Schließlich wurde Goebel für drei Jahre vom Amt suspendiert und 1805 nach Niederroßbach bei Friedberg versetzt. An seiner Stelle wurde von dort Pfarrer Daniel Gottlieb Ludwig Aulber hierher versetzt, dem es in unserem Kirchspiel jedoch nicht sonderlich gefallen haben soll, so daß er 1811 schon wieder fortzog und nach Großenbuseck bei Gießen übersiedelte.
Aulbers Nachfolger wurde Ludwig Dornseif (1811 - 1 840). Bereits während der Suspension von Pfarrer Goebel 1802 - 1805 hatte er von seiner damaligen Pfarrei Lixfeld aus zusammen mit dem Gladenbacher Pfarrer die hiesige Stelle versehen. Er hat sich um das Pfarrlehngüterwesen große Verdienste erworben, litt aber unter der schrecklichen fallenden Sucht.
Die folgenden 15 Jahre waren wechselvoll in vieler Beziehung. Sieben Pfarrverweser (Erdmann, Scharmann, Stein, Vogt, Augst, Dauber und Hammann) versahen nacheinander den Dienst. In dieser Zeit wurde 1845 die Hartenroder Mutterkirche abgerissen.
In den Wirren der Revolution von 1848 mischte der Pfarrverweser Augst tüchtig mit, er gehörte zu den Anführern der freiheitlichen Bewegung. 1849 berief er an einem der ersten Sonntage nach Ostern, nachdem er am Morgen in Wommelshausen Abendmahl gehalten hatte, auf den Mittag eine öffentliche Versammlung in die Günteroder Kirche ein mit dem Thema »Die Grund­rechte des Deutschen Volkes«. »Zur bestimmten Stunden nun«, berichtet der Chronist, »- auch die Wommelshäuser zumal - strömt es von allen vier Winden nach Günterods luftigen Höhen, die Kirche füllt sich, daß keine Maus mehr hineingeht, trotz dessen, daß die neugierigen Weiber waren vom Verweser gleich im Anfang hinaus getrieben worden«. Während der Rede des Pfarrverwesers kommt es zu großem Tumult und einer erbitterten Zwiespra­che mit dem alten Schullehrer, der ihm vom hohen Orgelchor herab wider­spricht und sich schließlich mit einem Holzknüpel vor tätlichen Angriffen schützen muß. Der Kirchenrechner, der auch widerspricht, wird mit Gewalt hinausgeworfen. - Wenige Tage später brach der in Ansätzen schon vorhan­den gewesene Wahnsinn bei Pfarrer Augst völlig aus, entwickelte sich rasch und führte am 7. Mai zum Tode.
 Pfarrer Gustav Hammann, der von 1855 bis 1890 als ordentlicher Pfarrer und vorher bereits 4 1/2 Jahre als Pfarrverweser hier wirkte, machte sich vor allem durch den Neubau der Hartenröder Kirche (Frühjahr 1856 bis November 1858) einen Namen. Im Jahre 1857 legte er darüber hinaus die Hartenröder Pfarrchronik an. (Vorher gab es keine reguläre Chronik in unserem Kirchspiel; lediglich in den Saalbüchern - d. h. den Urkunden- und Grundbüchern -  wurden, wie schon erwähnt, bisweilen chronistische Aufzeichnungen gemacht.) In dieser Chronik nahm er auch zu politischen Ereignissen mit lebhaftester Anteilnahme Stellung. Vom preußisch-österreichischen Krieg, 1866, bei dem Hessen auf österreichischer Seite kämpfte, erfuhr man im Kirchspiel fast nur aus den Zeitungen. Doch mit welcher Erbitterung quittiert unser Chronist die im Friedensvertrag von 1866 beschlossene Einverleibung des Hinterlandes in Preußen, die im Februar 1867 in feierlicher Form erfolgte. Mit welcher Begeisterung hingegen begrüßt er 1870 den deutschen Kaiser, die Gründung des Deutschen Reiches. Ein Stück der «guten al­ten Zeit« wird in seinen Aufzeichnungen lebendig.
 Damals war zu Pfingsten Konfirmation. Die Konfirmanden hatten von An­fang Februar an fünfmal wöchentlich 1 1/2 Stunden Unterricht, nach Ostern dann täglich, und zwar - wenn die Schulprüfungen vorüber und es wärmer geworden war - in der Kirche von 7 bis 10 Uhr mit einer Viertelstunde Pause in der Mitte. Die Konfirmandengebühr  betrug 20 Eier und 30 Kr. (Kreuzer) pro Kind.
 Das Kirchspiel Hartenrod, zu dem nach der Trennung von Bottenhorn (1848), außer Wommelshausen, Hütte und Schlierbach auch noch Günterod, Endbach, Dernbach und Hülshof gehörten, war zu umfangreich, als daß an all diesen Orten regelmäßige Gottesdienste gehalten werden konnten. So fanden in Wommelshausen früher nur dann Gottesdienste statt, wenn das Heilige

Nicht nur die kirchlichen Gepflogenheiten, auch die allgemeinen Lebensbedingungen, die Bräuche und Gewohnheiten, waren damals in vieler Beziehung anders als heutzutage. Die Chronisten vermitteln ein anschauliches Bild von den früheren Zuständen. Wir müssen uns klarmachen, daß erst 1916 in dieser Gegend das elektrische Licht eingeführt wurde, daß man die Eisenbahn hier erst seit rund 80 Jahren benutzen kann, und daß man über andere Verkehrsmittel auch nur selten verfügte. Das bedeutete für den Pfarrer des Kirchspiels, daß er bei Wind und Wetter allsonntäglich über die Berge wandern mußte, und die Chronisten beschreiben, wie sie etwa am Neujahrsmorgen zum Frühgottesdienst in Günterod, der um 1/26 Uhr begann, fast im Schnee stecken blieben und dann in eine eiskalten Kirche kamen. — Die Frauen waren damals weite Fußstrecken gewöhnt. Noch heute wissen alte Einwohner zu berichten, wie sie in ihrer Kindheit mit Butter und Eiern nach Dillenburg gingen, um sie dort zu verkaufen. Sie hatten die Butter hier für 80 bis 90 Pfennige pro Pfund aufgekauft. Um größere Mengen auf einmal zu bewältigen, trugen sie ihre Waren in Körben auf dem Kopf (sie sollen bis zu 60 Pfund auf diese Weise transportiert haben), und um die langen Fußmärsche nutzbringend zu verwenden, strickten sie unterwegs. In ihrer schönen alten Tracht, die hier bis gegen Ende des vorigen Jahrhunderts getragen wurden, mögen sie dabei einen recht malerischen Anblick geboten haben. Die Strickerei stand namentlich in Hartenrod, Wommelshausen und Schlierbach hoch in Blüte. Schon 1779 bemerkte ein Chronist: «Alles strickt hier wollene Strümpfe mit einer unbeschreiblichen Geschwindigkeit und einem Fleiß, der wenig seinesgleichen haben muß«. Bis nach Heidelberg und Speyer hinauf drangen die Strumpfhändler, schließlich sogar nach Amerika. Das Garn wurde vor nunmehr rund 100 Jahren in Biedenkopf geholt und die fertigen Strümpfe dorthin abgeliefert. Der Verdienst war gering. Ejir ein Paar Frauenstrümpfe zahlte man als Strickerlohn 20, für ein Paar Socken 10 bis 12 Pfg.
Verdienst bot auch der Bergbau (Eisenstein), der im 17. und 18. Jahrhundert in Wommelshausen erwähnt wird. Mit Ochsenfuhrwerken schaffte man das Erz zur Ludwigshütte bei Biedenkopf. Zum Schmelzen wurde Holzkohle benutzt, die in dieser Gegend auch viel gebrannt worden sein muß.
 Die Postzustellung kam im vorigen Jahrhundert in Gang. 1802/03 wurde das Postamt Gladenbach gegründet. Ab 1858 beging ein Postbote zweimal wöchentlich die Strecke Römershausen – Dernbach – Wommelshausen – Schlierbach - Hartenrod – Endbach - Günterod - Bischoffen - Niederweid­bach - Roßbach – Wilsbach – Oberweidbach – Weidenhausen – Erdhausen – Frohnhausen – Friebertshausen - Mornshausen a. S..
Das Schulwesen ist wohl der Erwähnung wert, zumal Schule und Kirche früher eng verbunden waren. Der Dienst des Schulmeisters war weitgehend Kirchendienst. Nicht nur das Läuten und das Stellen der Kirchturmuhr oblag ihm, er hatte auch den Dienst des Vorsängers zu versehen. Als solcher mußte er die Gesänge bei Gottesdiensten und Leichenzügen leiten. Betstunden und Lesegottesdienste oblagen in erster Linie dem Schulmeister von Hartenrod, dereine »Literatus« (= einstudierter Mann)war. Auf besonderes Gesuch hin durften aber auch die Lehrer der Filialgemeinden Lesegottesdienste halten.
 Grundsätzlich sollten in früherer Zeit alle Kinder des Kirchspiels nach Hartenrod zur Schule gehen. Hier stellte der Schulmeister sein Haus wohl für den Unterricht zur Verfügung, wofür er Stroh zum Bedecken seines Daches erhielt. Zeitweise wurde auch in den Dorfhäusern der Reihe nach Unterricht gehalten, bis 1704 der Befehl zum Errichten von Schulhäusern erfolgte. 1722 wurde dann in Hartenrod auch ein solches erworben. Im Winter allerdings konnten die Kinder der Filialgemeinden bei tiefem Schnee oft nicht nach Hartenrod kommen, so daß ihnen gestattet wurde, in dieser Zeit einen eigenen Schulmeister auf ihre kosten zu halten. Diese Lehrer waren im Hauptberuf oft Handwerker oder dergleichen, sie wurden, wie es in unserer Chronik heißt, »wie die Hirten gemietet und nach Gefallen abgeschafft«. Die Besoldung der Schulmeister bestand wiederum in Hafer sowie in Brot. So mußten noch 1819 jeder erwachsene Mann dem Schulmeister einen Laib Brot geben, und dieser mußte ihn sich sogar selbst abholen. Bisweilen konnte er jahrelang darauf warten, oder es wurden ihm eine alte Kuh, Schafe oder Gänse zur Verpfändung angeboten. Die Väter der Schulkinder mußten außerdem Geld an den Schulmeister bezahlen. In Wommelshausen soll der Unterricht bis 1832 auf dem Backhaus gehalten worden sein. Auch die Kinder von Dernbach kamen bis 1822 dorthin.
Pfarrer Hammann, der als Chronist die Feder so gut zu führen wußte, wurde 1890 von einem nicht weniger schreibbegabten Nachfolger abgelöst. Pfarrer Erwin Gros, der als unierter Pfarrer unter seinen lutherischen Amtsbrüdemn damals noch Anstoß erregte, wirkte als kampffreudiger Seelsorger, bis er be­reits Ende 1897 die hiesige Pfarrstelle verlassen mußte. In seinen Büchern, vor allem dem »Lehrer in Hartenhausen«, gibt er ein anschauliches Bild der damaligen Verhältnisse, wie er sie sah.
 Es folgten:
Pfr. Ludwig Reusch (1897—1909)
Pfr. Heinrich Walter (1909—1933)
Pfr. Karl Olbert (1933—1938)
Pfr. Lothar Adam (1938—1952)
Vertretung während der kriegsbe­dingten Einberufung von
Pfr. Adam 15.6.1941—15. 5. 1943
Pfr. Ferdinand Wüst 16.5. 1943—30. 4. 1945
Pfr. Adolf Calgan (Eppstein/Ts.) 1.5.-31. 12. 1945: vikarisch verwaltet von Pfarrer Page (Weidenhausen) und Pfr. Getrost (Günterod)
Pfr. Fritz, Wertmann (1946—1948)
Pfr. Alfred Habermann (1953—1955)
Pfr. Heinz Berguer (1956—1961)
Pfr. Dieter Grünewald (1962—1968)
Pfr. Reinhard Schlamp (1969—1977)
Pfr. Hans Griesing (ab 1978)

Anders als heute hielten damals die Pfarrer auch noch Vieh, zumindest Kleinvieh, wie Pfarrer Walter, der auf seine Hühner stolz war. Eines Tages standen bei »Simmes-Haus« ein paar junge Burschen, die aus Übermut Steine nach den Hühnern warfen. Wie es das Unglück wollte, ein Stein trat, und ein Huhn streckte alle Viere von sich. Nach langer Diskussion wurde der »Schütze« dazu verurteilt, die traurige Nachricht an Pfarrer Walter, den Be­sitzer, zu überbringen. Aufs Schlimmste gefaßt, machte sich Wilhelm C. auf den Weg. Kaum hatte er den Satz »Herr Pfarrer, eins von Ihren Hühnern ist tot!« hervorgebracht, da griff Pfr. Walter in die Tasche, holte 50 Pfg. hervor und gab sie dem Verdutzten: »Da, begrab das Huhn!« Als unser treffsicherer Schütze zu seinen Freunden zurückkehrte und sogar noch 50 Pfennig vorzei­gen konnte, soll er gesagt haben: »Also, für 50 Pfennig schmeiß ich noch eins tot!« — Was er aber dann doch unterließ.

Quelle:125 Jahre Evangelische Kirche Hartenrod 1858-1983
 Festschrift zur Jubiläumswoche vom 3. bis 11. September 1983

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01.06.2006

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